Wir schreiben das Jahr 1970, in Alt-Fechenheim 122 eröffnen Ornella und Erminio Arnoldo ihre Eisdiele. Sie haben im Hinterhof eine eigene Eisküche eingerichtet, haben Gaststättenräume im Stil der 70er Jahre übernommen und ausstaffiert, Musikbox inbegriffen – und verkaufen ihre Eiscreme auch direkt durch das große Ladenfenster auf die Straße. Fechenheim hat nun ein echt italienisches Eiscafé!
Anfangs ist es nicht leicht für Familie Arnoldo, im Viertel anzukommen. Das Eis schmeckt lecker, doch die Fechenheimer Bürger sind zurückhaltend, und die selbstbewussten einheimischen Geschäftsleute halten zusammen, beäugen die Neuankömmlinge ganz genau. Es gibt damals als direkte Nachbarn ein Textilgeschäft und drei Häuser weiter – heute „Bücher vorOrt“ – eine kreative Hutmacherin, es gibt den Blumenladen am Linneplatz, zwei Bäcker, zwei Metzger, zwei Lebensmittelläden, zwei Drogerien, zwei Schuhgeschäfte, Optiker, Juweliere, Gärtnereien, zwei Banken und ein Postgebäude. Es ist ein anderes Fechenheim-Süd als heute!
Aber die Arnoldos wissen sich zu integrieren, sie haben ja schon Erfahrung mit den Deutschen, haben in Weißenburg in Bayern im Eissalon von Vater Bortolo mitgearbeitet, haben Deutsch gelernt und eine Familie gegründet. Erminio Arnoldo wird bald Mitglied im Gewerbeverein und knüpft auch über Fußball und Radsport viele Kontakte. Die kleinen Töchter Claudia und Roberta wechseln vom bayerischen in einen Fechenheimer Kindergarten. Giovanna, die Jüngste, wird hier geboren. Ornella, la Mamma, pflegt und prägt die herzliche Atmosphäre im Café entscheidend mit! Die zweite Saison in Fechenheim, so erzählt Roberta, die Inhaberin heute, sei schon besser gewesen, ab dem dritten Sommer läuft es gut im „Eiscafé Venezia“ und die junge Familie mit Wurzeln in Venetien (Hauptstadt Venedig) fühlt sich hier angekommen und zuhause.
Es ist ein Zuhause in zwei Sprachen, in zwei Kulturen – und ein Leben in zwei Ländern, je nach Saison! Die Kinder werden, wie damals üblich, in Italien eingeschult, sie leben bei Verwandten oder sogar in einem Internat für sogenannte „Eisfamilien“ und sie können dort nur in Herbst und Winter mit ihren Eltern zusammen sein. In den Sommerferien, geht es dann auch für sie nach Deutschland: mithelfen im Familienbetrieb und – ganz wichtig – von den Eltern das Eishandwerk erlernen! So ist das für alle drei Töchter Arnoldo bis zum Schulabschluss, bis sie wieder ganz nach Fechenheim kommen können.
Im Jahr 2004 schließlich wollen sich die Eltern aus dem Berufsleben zurückziehen. Roberta Arnoldo gründet mit Partner Sandro die GmbH „Eisengel“ und übernimmt die Nachfolge. Sandro, aus einem ganz anderen Berufszweig kommend, lernt noch bei der Familie und in Fachkursen die Kunst traditionellen Eismachens. Seither steht er täglich in der Eisküche, backt er Kekse oder pflegt den Blumenschmuck um‘s Haus – während Roberta vor allem den Cafébetrieb leitet. Als feste Saisonkraft kommt auch Rotschopf Valentina jedes Frühjahr aus ihrer Wahlheimat Kenia und kann Eis und Kaffee, Waffeln und Pinsa auf Italienisch, Englisch und Suaheli verkaufen. Und nicht zu vergessen das Wetter, dieser so wichtige stille Mitarbeiter, er muss bitteschön – per favore – mitspielen!
Wenn Fechenheimer Bekannte mit Kindern und Enkeln an den Straßentischen sitzen und schwärmen, wie sie hier ihr erstes italienisches Eis geschleckt haben, dann ist das für Roberta einfach schön! Jetzt, 2026, zählt sie schon die 57. Saison in Fechenheim. Wenn sie im Café das große Foto-Poster von ihrem Vater mit dem mobilen Eiswagen „Gelato Arnoldo“ aus allerersten italienischen Anfängen betrachtet, dann denkt Roberta auch über die Zukunft nach. Wie wird es werden in der Eiscreme-Branche? Wird sorgfältige handwerkliche Eisherstellung weiterleben, obwohl so viele Anbieter in letzter Zeit umsteigen – ja schon umgestiegen sind – in das weit weniger aufwendige Geschäft per Einkauf bei Eis-Großhandelsketten mit ihren hundert und mehr fertigen Sorten? Das freilich steht noch in den Sternen!
„Aber wir, solange wir hier sind,“ sagt Roberta, „wir machen unser Eis selbst, weil wir ein Traditions-Eiscafé sind – das ist unsere Familie, das ist unsere Geschichte, das ist die Seele von diesem Laden!“
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1 Kommentar zu „Fechenheimer Geschichten: Eiscreme, echt italienisch!“
Super schöner Artikel.
Ein paar Dinge wusste ich nicht!
Grüße Oliver